Auffallend wenige Kronacher Bürger und Bürgerinnen nahmen am „ewigen Jahrtag“ zu Ehren von Fürstbischof Melchior Ott, Voit von Salzburg am 21.01.2017 teil.

Wenn man 15 Jahre zurückblickt, in denen dieser Ehrentag gemeinsam mit den historischen Gruppen begangen wurde, so muss man ehrlicherweise registrieren, dass in Kronach für diesen Tag das Interesse zunehmend abnahm.

Ich kann mich nicht erinnern, dass die Stadtpfarrkirche jemals voll war. So leer wie diesem Jahr war sie aber noch nie. Wenigstens waren die historischen Gruppen so zahlreich vertreten, dass zumindest die ersten fünfzehn Bankreihen in der Kirche gut gefüllt waren. Dahinter existierte jedoch gähnende Leere. Woran mag das gelegen haben? Ist das auf eine Geschichtsvergessenheit der Kronacher*innen oder auf bloße Unachtsamkeit zurückzuführbar?

Letzteres nimmt Domkapitular Teuchgräber an. Er vermutete, dass angesichts der Gewohnheit jeden Sonntag, die 10.30 Uhr Messe zu besuchen, deren zeitliche Vorverlegung auf 9.00 Uhr am Gedenktage nicht beachtet wurde. Nun findet aber das Lobamt seit über 360 Jahren immer am Sonntag nach Sebastiani und immer um 9.00 Uhr statt. Ist diese langjährige Tradition tatsächlich noch nicht bemerkt worden? Liegt das lokalhistorisch bedeutsame Ereignis zum MO-Tag so weit zurück, dass seine Wahrnehmung kontinuierliche verblasste? Haben Tapferkeit und Mut, die die Kronacher Bürgerinnen und Bürger im Dreißigjährigen Krieg ausgezeichnet hat, keine Bedeutung mehr für die heutige Generation? Dabei müsste die aktive Beteiligung am Melchior-Otto-Tag ähnlich groß sein, wie die an der alljährlichen Schwedenprozession. Nun, die Besonderheit mag sein, dass die Schwedenprozession in das Fronleichnamsfest sichtbar eingebettet ist und von daher auf weit größere Resonanz in der Bevölkerung stößt.

Tatsache scheint zu sein, dass der ewige Jahrtag für Fürstbischof Melchior Otto nie zur Herzensangelegenheit der Kronacher Bürger*innen wurde. Das geschichtliche Bewusstsein, das nun seit Jahren von den historischen Gruppen intensic gepflegt wird, hat offenbar nicht das nachhaltige Interesse der Kronacher*innen erreicht. Was im Jahre 1652, vier Jahre nach Ende des Dreißigjährigen Krieges, als höchste Auszeichnung im Heiligen Römischen Reich deutscher Nation gegolten haben mag, scheint heute – gemessen am Zuspruch der Kronacher Bürger*innen – bedeutungslos und vergessen zu sein. Dabei lassen sich gerade mit diesem Tage positive Tugenden assoziieren, wie großer Mut, unerschütterliche Standfestigkeit und ausdauernde Tapferkeit, die damals der Kronacher Bürgerschaft als hervorragende Auszeichnung bescheinigt wurde. Solche Tugenden sind auch in einer postmodernen Gesellschaft gefordert, in der in Zeiten von Selbstverliebtheiten (Stichwort: Selfies) der Gemeinsinn und das soziale Engagement für eine gemeinsame Aufgabe stetig schwindet. Der ewige Jahrtag für Fürstbischof Melchior Otto wäre geradezu prädestiniert, in gemeinsamer Erinnerung an die Vergangenheit Gemeinsinn zu mobilisieren, zu aktivieren und vor allem zu demonstrieren.

Es schadet dabei nicht, auch den konfessionellen Streit, der ein Jahrhundert vor dem Dreißigjährigen Krieg von Martin Luther im fernen Wittenberg unter Mithilfe von Lucas Cranach d. Ä. ausgelöst wurde, mit einzubeziehen. Denn die heutigen kriegerischen Auseinandersetzungen im Nahen Osten weisen in ihren auslösenden Ursachen und in ihrem Verlauf große Ähnlichkeiten mit den geschichtlichen Konflikten in Europa auf. Hier hieße es: aus der Geschichte lernen. In Kronach hat man damit bereits vor Jahren begonnen, als die ökumenischen Gespräche zwischen den lokalen Konfessionsvertretern initiiert wurden. Sie finden bis heute regelmäßig am Jahrtag statt und bezeugen, dass aus einem ursprünglich kriegerischen Gegeneinander auf ein von Toleranz und gegenseitigem Verständnis geprägtes Miteinander werden kann. Dass ein solcher Prozess – anders als in Europa – nicht Jahrhunderte auf sich warten lässt, wünscht man sich für die aktuellen Konflikte außerhalb Europas.

Hans Götz, 28.01.2018