Biertadition in Kronach

Die moderne, biertrinkende Community nimmt es als selbstverständlich hin, dass ein gutes Pils oder frisches Lagerbier zu jedem Zeitpunkt gut gekühlt zur Verfügung steht. Das dies vor gar nicht langer Zeit nicht die Regel, sondern eher die Ausnahme war, bezeugen viele Artikel, Aufsätze und Bücher, die sich mit der Biergeschichte beschäftigen.

Erst als Carl von Linde 1873 die Kältemaschine erfand, war es den Brauern auch im Sommer möglich ein bekömmliches Bier, insbesondere untergärige Biere, herzustellen. Ab diesem Zeitpunkt war es nicht mehr notwendig, im Winter das Eis aus dem Teichen und Wehren zu sägen, um es in die Keller zu verbringen, wo es für eine angenehme Kühltemperatur, manchmal bis in den Sommer hinein sorgte. Mancher wird sich aber, so wie der Autor, noch erinnern können, dass bis in die späten fünfziger Jahre des 20. Jahrhunderts diese Arbeit noch bei den kleinen Brauereien auf dem Lande vollzogen wurde.

Sicherlich war dies auch in Kronach so, deren Keller in der Oberen Stadt lange Zeit in der Hauptsache als Lagerstatt für Bier dienten. Als das Bräuprivileg der Stadt Kronach mit der Eingliederung in das Königreich Bayern im Jahre 1802 verloren ging und somit den Bürgern der Oberen Stadt ihr Braurecht abhandenkam, verloren die Keller diesbezüglich aber nicht ihre Bedeutung. Das Braurecht war zwar förmlich aufgehoben, bestand aber bis 1829 weiter. 1812 übten von 434 bräuberechtigten Bürgern nur noch 127 Personen ihr Braurecht in den städtischen Brauhäusern aus. Hinzu kamen aber jetzt private Brauereien, die den kommunalen ernsthafte Konkurrenz machten. Die erste selbständige Brauerei errichtete bereits 1808 Michel Koch-Deinhart. 1871 gab es dann im Kronacher Umkreis bereits 76 kommunale, gesellschaftlich und private Brauereien. Die städtischen Brauhäuser der Oberen Stadt verloren immer mehr an Bedeutung und so wurde 1836 das Brauhaus am alten Rathaus wegen zu großer Baumängel abgerissen. 1875 stellte das untere Brauhaus am Bamberger Tor seine Tätigkeit ein. Das einzig verbliebene städtische Brauhaus am Franziskanerkloster wurde dagegen in der Zeit sogar erweitert. Zum Ende des 1. Weltkrieges wurde aber auch dort das Brauen eingestellt.

Es ist sicherlich kein Zufall, dass das Reinheitsgebot für Bier vom bayerischen Herzog Wilhem IV. im Jahre 1516 an Georgi, also dem letzten Brautag des Jahres, verkündet wurde. Das „Braujahr" endete an diesem Tag (23.04.) und begann immer zu Michaeli (29.09.) des Vorjahres. Nur in diesem Zeitraum konnte zu früherer Zeit wegen der niedrigeren Temperaturen gebraut werden. Wobei überwiegend obergärige Biere, die schon bei Außentemperaturen von 15 bis 20 Grad vergoren, eingebraut wurden. Das Alt-Bier und das Kölsch sind die heutigen Vertreter dieser Biersorte. In Kronach nannte man es damals Braunbier.

Für die Lagerung der Biere wurden kühle Örtlichkeiten benötigt. Die Keller der Oberen Stadt waren dafür bestens geeignet. Nach dem Brauprozess wurde die Würze, der flüssige, vergärbare Teil der Maische, in den Keller verbracht. Dies wurde von den so genannten „Wierz-Trägerinnen" besorgt, die in geschulterten Holzbutten die Würze in die Keller, vielfach über 30 bis 40 Stufen, in mühevoller Arbeit trugen. Dort vollzog sich dann in den Bottichen der Gärprozess. Da man im 17. und 18. Jahrhundert zwar etwas über die alkoholische Gärung, aber wenig über die grundlegenden chemischen Abläufe im Zusammenhang mit der Hefe wusste - die entscheidenden Erkenntnisse über die Hefe wurden erst 1822 von Louis Pasteur wissenschaftlich dargelegt - war das Ergebnis des Gärungsprozesses manchmal ein Zufallsprodukt. Was man aber aus Erfahrung wusste, war das die Temperatur den Gärprozess und die Haltbarkeit des Bieres stark beeinflussten. Sicherlich wurde aus dieser Erkenntnis heraus dann auch in den Wintermonaten das Eis aus den Kronacher Flüssen in die (Eis-)Keller der Oberen Stadt geschafft.

In Kronach sorgten zu hochstiftlichen Zeiten zunächst zwei Brauhäuser in der Oberen Stadt für die Versorgung der Bürger mit Gerstensaft. Dies waren städtische Brauhäuser, in denen das damals bestehende Braurecht der Bürger befolgt wurde. 1578 durfte jeder Bürger der Oberen Stadt 2 ganze Kufen Bier „verbräuen". Das entsprach in etwa. 600 bis 800 Liter Bier. Die Hälfte davon durfte über die Straße verkauft werden. Um dies kenntlich zu machen wurde zu der Zeit in Kronach nicht der sechszackige Stern sondern ein Eimer vor das Haus gehängt.

Die Aufsicht über das Bierbrauen und -prüfen fiel in die Zuständigkeit der Viertelmeister. Ihnen oblag es auch die städtischen Brauhäuser zu visitieren und die Ordnungsmäßigkeit der vorhandenen Brauwerkzeuges zu kontrollieren. Eine verantwortungsvolle Aufgabe zur damaligen Zeit. Da das moderne Kronach auch über Viertelmeister verfügt, ist anzunehmen, dass sich diese Herren gerade jetzt verstärkt in der Nähe von Braustätten aufhalten. Man sollte, wenn man sie sieht, dies wohlwollend zur Kenntnis nehmen, aber ansonsten ihnen ihre Arbeit machen lassen.

Vom Schmäuß, Schmäußen und Schmäußig sein

Als Substantiv wird es für ein Getränk gebraucht, als Verb beschreibt es einen Vorgang und als Adjektiv einen Zustand. Woher der Begriff kommt ist bekannt, was er bedeutet, nicht so ganz. Ein Erklärungsversuch…

Die begriffliche Nutzung tauchte erstmals in der Kronacher Renaissance- bzw. Barockzeit auf. Zu dieser Zeit bestand für jeder Bürger der Oberen Stadt das beurkundete Recht, zu einer bestimmten Zeit Bier brauen zu dürfen. Dies konnte zwischen dem Michaeli- (29. September) und dem Georgie-Tag (23. April) in Anspruch genommen werden. Ansonsten durften die Kronacher Oberstädter kein Bier brauen. Es sei denn, es stand eine größere Festlichkeit, wie z.B. Hochzeit oder Kindstaufe an. Dann konnte auf Antrag vom Rat der Stadt erlaubt werden, zusätzlich ein weiteres Gebräu, das so genannte Schmäuß, aufzulegen. So wurde dieses spezielle Braurecht genannt.

Abgeleitet ist der Begriff vermutlich von „schmausen“. Da auf solchen Festen üppig und gegessen und getrunken, eben geschmaust wurde. Aus der Verbalhornung dieses Wortes: schmausen… Schmaus…. Schmäus….Schmäuß, wird sich letztlich der heute wieder benutzte Begriff entwickelt haben.

Die Pottu-Theatergruppe hat sich frühzeitig in ihrem Stück „Das Hochzeitsbier“ dieser Thematik, dem Schmäuß-Brauen, angenommen und den Begriff in die Gegenwart transportiert. Da ist er nun eingegangen in die Bezeichnung eines Bieres, das zunächst nur an den historischen Festtagen ausgeschenkt, aber dann, aufgrund seiner Beliebtheit, auch in das Sortiment der Brauerei für den alltäglichen Verkauf aufgenommen wurde.

Insider behaupten allerdings, dass das Schmäuß nur an den historischen Tagen seinen besonderen, schmäußigen Geschmack freigibt. Ob dies an den Salutschüssen der Ausschüsser liegt? Wird dadurch erst das besondere Aroma des Schmäuß geweckt? Von vielen Genussmenschen wird dies nicht nur geglaubt sondern auch vehement behauptet. Dazu gehört auch der Stadtvogt!

An den historischen Tagen - Melchior-Otto-Tag, Viertelmeister-Tag, Schmäuß-Tag und Historisches Stadtspektakel – findet man in Kronach viele Menschen in einem „schmäußigen“ Zustand. Dieser ist bei weitem ein anderer als ein „bierig-alkoholisierter“ Zustand. Warum das so ist?

Dies könnte hier in trockener Theorie nur in ungenügender Weise beschrieben werden. Um dies herauszufinden, sollten sie nach Kronach kommen und einen Selbstversuch starten. Ihre Bank- bzw. Tischnachbarn, hier vor Ort, werden Ihnen sicherlich, nach dem zweiten oder dritten Bier, bei der Zustandsbeschreibung behilflich sein. Letztendlich werden aber auch sie von einem schmäußigen Wohlbefinden reden. Wohl an!

Hans Götz, Stadtvogt